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Mythen und Legenden

In diesem Bereich nehmen wir zu gewissen Diskussions-Punkten, die sich aus den Unterschieden zwischen klassischen Textverarbeitungsprogrammen wie Microsoft Word und dem Textsatz-System LaTeX an so manchen vergangenen Tagen hervorgetan haben, Stellung. Auf Grund der Verbreitung und Beliebtheit verwenden wir oft das zuvor genannte Produkt zum direkten Vergleich. Generell lässt sich der Vergleich aber auf beinahe alle Software-Produkte dieser Kategorie (WYSIWYG-Textverarbeitung) anwenden.

Ziel ist weder die Neu-Entfachung alter Konflikte noch die Herabwürdigung der Leser. Interessanterweise haben aber oft vehemente Anhänger von Microsoft Word meist recht wenig Erfahrung mit LaTeX. Deshalb führen wir hier häufige Argumente gegen die Verwendung von LaTeX mit entsprechendem Kommentar auf.

Tatsächlich haben wir vom LaTeX@TU Graz-Team Microsoft Word bisher selten lieb gewonnen – und das obwohl wir es in unzähligen Situationen verwenden. Schließlich ist auch an der TU Graz Microsoft Office eine Art Austausch-Standard geworden.

Vielleicht sollten wir das nachfolgende aber doch ein wenig eingrenzen. Wir gehen von einem einheitlichen Kontext aus und beziehen uns damit auf die Erstellung von Dokumenten, für die sich beide System primär anbieten. Damit streichen wir beispielsweise Desktop Publishing und Grafik-Design aus dem Programm.

Ansage: Microsoft Word ist ein Standard

Nun, unter Umständen ist das gar kein Märchen. Jedenfalls für ein genügend breit dehnbares Verständnis zum Begriff „Standard“. Viele Organisationen verwenden Microsoft Office. Es hat sich als Quasi-Standard etabliert – ohne je standardisiert worden zu sein.

Das Dateiformat (doc, docx) hat allerdings große Probleme, wenn man es mit einem Austauschformat verwechselt. Nicht zuletzt die Virengefahr oder die interne Sicherheit würden in so manch kritischen Umgebungen an sich den Austausch solcher Dokumente verbieten. Es gibt auch genügend Beispiele, die zeigen, wie katastrophal sich das schon ausgewirkt hat.

Als alternatives nur-lese-Austauschformat bietet sich PDF an. Die einheitliche, systemübergreifende Darstellung ist perfektioniert worden. Ein Punkt der jedem Benutzer unterschiedlicher Versionen von Microsoft Word unter den Nägeln brennen dürfte. Gängige PDF-Anzeigeprogramme sind kostenlos erhältlich.

Voraussetzungen für ein Austauschformat bietet das ODF-Dateiformat von OpenOffice.org. Es ist offen und gut dokumentiert. Viele Hersteller haben sehr schnell auf die Implementierung gesetzt. Immerhin hat Microsoft seit Version 2010 adäquate Unterstützung für PDF-Exporte. Verbesserte Unterstützung für ODF ist ab Version 2013 erhältlich.

Was sich am eigenen von Microsoft propagierten Standard unserer Ansicht nach nicht eignet:

  • Der Umfang des Standards ist enorm. Teilweise ist die Dokumentation mit sehr vagen Beschreibungen versehen. („Feature XY ist wie in Word 2003 zu implementieren“).
  • Microsoft ist als Unternehmen einziger Schirmherr über das Format.
  • Wird das Format geändert, haben selbst Produkte aus dem eigenen Haus Probleme.

Daher ersuchen wir sie: benutzen Sie die Export-Funktionen Ihrer Office-Suite für den Austausch von Dateien. Oder besser: benutzen Sie LaTeX. :-)

Ansage: Word ist einfach zu bedienen und hat eine bessere Oberfläche

Diesen Punkt können wir nicht vollständig widerlegen. Die Vielfalt und das Prozedere im Bereich Installation zeigen, welche Hürden gerade für Anfänger beim Start mit LaTeX bestehen. Da können wir der Ansage nur recht geben.

Fortgeschrittene Benutzer arbeiten in beiden Umgebungen sicher und zügig. Hier gilt gleichermaßen: Einarbeitung. Wie oft haben Sie schon im Internet nach „Funktion … in Word 20XX“ gesucht? Auch in den neuesten Oberflächen von Microsoft Office befinden sich viele Elemente in unverständlichen und tief verschachtelten Untermenüs, die erst die Online-Suche preisgeben – die eingebaute Hilfe ist schließlich langsam und führt ohnehin selten zum Ziel.

Eine rein für „Klicken“ ausgelegte Oberfläche wird überschätzt. Verwenden Sie LaTeX. :-)

Ansage: Mit Word ist man schneller

Wenn es darum geht, ein einseitiges Dokument ohne Vorwissen zu erstellen: bestätigt. Wer aber täglich Dokumente erstellt und anfängliche Kenntnis-Defizite hinter sich gelassen hat, erzeugt mit LaTeX außerordentlich schnell gut gestaltete und einheitliche Dokumente.

Was bei Fortgeschrittenen zu einem Gleichstand führt, wächst bei Experten mit spezialisierten und individualisierten Text-Editoren üblicherweise zu einem großen Polster zugunsten der LaTeX-Anwender an. Der in Word integrierte „Text-Editor“ ist nur begrenzt erweiterbar und vergleichsweise schlecht automatisierbar. Verstehen Sie uns bitte nicht falsch: Microsoft Office ist ein für Produktivität entworfener Arbeitsplatz. Dennoch liegt der Fokus im Funktionsumfang und richtet sich an ein Durchschnittspublikum.

Die Wiederverwendbarkeit von LaTeX-Vorlagen ist im Kontext von Arbeitsgeschwindigkeit hervorzuheben. Ungewünschte, falsche Formatierung von Schriftelementen kommen nicht vor. Corporate Designs können zentral umgesetzt und ausgerollt werden – ja sogar nachträglich geändert und auf alle Dokumente automatisch angewandt werden.

Wollen Sie Dokumente in Höchstgeschwindigkeit erstellen: erkunden Sie Ihre Arbeitsumgebung und nutzen Sie die Möglichkeiten, die sie bietet. Verwenden Sie LaTeX. :-)

Ansage: Word produziert schöne Dokumente (und Formeln)

Endlich konzentrieren wir uns auf das Ergebnis. Wir beantworten das kurz und knapp: die Ergebnisse von Microsoft Word sind schlicht in einer anderen Liga – und bestimmt nicht in der besseren, selbst wenn ein absoluter Profi am Werk ist.

LaTeX dagegen erzeugt professionell berechnete Textblöcke, Seitenspiegel, Silbentrennungen und bietet viele optische Feinkorrekturen, die im Buchdruck eingesetzt werden. Microsoft Word dient zweifelsohne sehr vielen Autoren – allerdings werden ihre Texte vor dem Buchdruck fast ausschließlich in ein anderes Format übertragen – oft ist das LaTeX. Wenn Bücher wirklich direkt aus den Word-Vorlagen gedruckt werden, lässt sich dies meist am offensichtlich schlechten Textstil erkennen.

Word bietet auch die Möglichkeit, mathematische Ausdrücke in ein Dokument einzubinden. Auch hier würde man das brillante Ergebnis mit dem optischen Mittelmaß vergleichen. Das versuchen wir erst gar nicht.

Eines bleibt noch zu sagen: lassen Sie Ihr Auge vom Textsatz verführen und begnügen Sie sich nicht mit dem Mittelmaß. Benutzen Sie LaTeX. :-)

Ansage: Word funktioniert mit großen Dokumenten

Leider kommen bei umfangreichen Projekten die ungeliebten Seiten von Word zum Vorschein – und meist zu einem späten Zeitpunkt. Auch bei heutigen Prozessoren nimmt die Arbeitsgeschwindigkeit stark ab – das ist nur eine Frage der Seitenzahl und Abbildungen. Auch LaTeX braucht so seine Zeit, wenn man es mit mehreren Hundert Seiten oder Abbildungen füttert. Allerdings beeinträchtigt die Zeit eines Kompilier-Vorgangs Ihre Arbeitsgeschwindigkeit im Text-Editor kein bisschen.

Bei LaTeX kann man sein Dokument auf beliebig viele (und kleine) Dateien aufteilen, was die Übersichtlichkeit fördert.

Zahlreiche Diplomarbeiten und Dissertationen haben bei Word-Benutzern zu heftiger Nervenabreibung geführt. Bilder werden verschoben, nicht angezeigt. Seitenzahlen stimmen nicht. Referenzen funktionieren nicht mehr. Hyperlinks nur in der ersten Hälfte des Dokuments. Abhilfe? Wer weiß das schon. Und dann fügt sich noch der eine oder andere Absturz ins Bild.

Nun gut: diese Probleme sind bei heutigen Word-Versionen allesamt behoben – verzeihen Sie uns den schwarzen Humor – außer Sie verwenden eines der folgenden Features:

  • Viele Seiten
  • Viele Abbildungen
  • Viel Literatur
  • Wechselnde Inhalte
  • Copy&Paste
  • Zusammenführen von Dokumenten
  • Automatische Verzeichnisse und Referenzen
  • Unterschiedliche Kopfzeilen

An dieser Stelle glauben Sie uns, oder auch nicht. Sie haben vielleicht Glück. Vielleicht haben Sie auch besonderes Pech. Am Ende denken Sie an uns. Wir haben es gesagt: benutzen Sie LaTeX. :-)

Ansage: Word ist ausgereift und gut programmiert

Der ursprüngliche, hier niedergeschriebene Kommentar juckte denjenigen, der ihn überarbeitete, ganz besonders – weil ihm die Softwareentwicklung nicht allzu fern ist. Und ihm ist klar: es entbehrt jeglicher Grundlage, einen Vergleich zweier so unterschiedlicher Produkte überhaupt derartig anzustreben.

Der Umfang und die Komplexität von Microsoft Office sind ein Vielfaches, wenn nicht sogar um Vielfache eines Vielfachen, höher im Vergleich zu dem, was wir heute unter der Software „LaTeX“ verstehen. Die ist nämlich ein Kommandozeilen-Programm namens pdftex. Ein Programm, quasi ohne Zusatzfunktionen abseits vom blanken Textsatz, mit einer geradezu vorsintflutlichen Erkennung von Benutzer-Fehlern.

Dazu gesellen sich LaTeX-Distributionen ohne jegliche Hoffnung auf zukünftige Updates oder Arbeitsumgebungen deren Zustand höchstens als experimentell gewertet werden kann.

Nein. Nein. Dieser Vergleich wäre nicht nur unfair. Er würde ein aus unserer (meiner) Sicht erschreckendes Ergebnis zu Tage führen. Was bleibt da zu sagen? LaTeX ist eine stabile Killer-Applikation. Richtig benutzt. Gut trainiert. Eingespielt. Benutzen und lernen Sie LaTeX. :-)

Ansage: LaTeX ist schwer zu lernen

Wir haben es ja schon erwähnt: Anfänger bringen es bei Word schneller zur ersten fertigen Seite. Die größten Hürden beim Einstieg in LaTeX sind die Installation einer LaTeX-Distribution, das Einrichten der Arbeitsumgebung und Finden oder Erstellen geeigneter Vorlagen. Im Idealfall nimmt Ihnen das ein IT-Administrator ab - andernfalls müssen Sie da durch.

Aber ab diesem Zeitpunkt nehmen wir keine weiteren Beschwerden an. Wenn Sie die Arbeitssystematik verstehen und vor allem akzeptieren, ist der Großteil bewältigt. Es gibt Befehle: die wenigen, die Sie wirklich brauchen, merken Sie sich in kurzer Zeit automatisch. Und da sprechen wir aus Erfahrung: wir betreuen seit mehr als einem Jahrzehnt Diplomanden. Darunter sind Fortgeschrittene und Anfänger gleichermaßen, sowohl in IT-nahen als auch IT-fremden Fachbereichen.

Je mehr man über LaTeX weiß, desto einfacher fällt einem die Arbeit. Das ist unumstritten. Die Grenzen des Eintauchens bestimmten Sie dabei aber selbst. Starten Sie mit unseren Vorlagen und entwickeln Sie Ihren eigenen Stil.

Die anfänglich verlorene Zeit wird einem meist großzügig durch das Vermeiden massiver Probleme bei der späteren Überarbeitung und Finalisierung der Dokumente refundiert. Es funktioniert, glauben Sie uns. Verwenden Sie LaTeX. :-)

Märchen: LaTeX lässt mich nicht das machen, was ich will

Word-Benutzer sind gewohnt, alles auf dem Blatt absolut kontrollieren zu wollen bzw. müssen. Schnell ist mit der Maus der linke Seitenrand nach links verschoben, um dem Text mehr Platz zu lassen. Oft gelingt es dem geplagten Anwender auch, Word beizubringen, dass das eine Bild genau dort zu liegen kommen soll. Wenn so ein Benutzer plötzlich mit LaTeX konfrontiert wird, so will er dieses Verhalten 1:1 auch hier übernehmen. Das ist dann meistens eine herbe Enttäuschung, da man sich in LaTeX besser von absoluter Positionierung verabschieden sollte.

LaTeX ist nun mal kein DTP-Tool (Desk-Top Publishing) wie zum Beispiel Ventura Publisher, Quark X-Press oder (eingeschränkt) CorelDraw. Word unterliegt diesen DTP-Programmen in dieser Hinsicht und verliert hier seine Berechtigung. LaTeX geht hier aber einen vollkommen anderen Ansatz. LaTeX beinhaltet sehr viel Know-How aus dem Bereich der Buchdruckkunst, das kein durchschnittlicher Anwender vorweisen kann. (Siehe dazu auch „Märchen: Mit Word kann schöne Dokumente (auch mit Formeln) erstellen.“)

Man tut also gut daran, LaTeX die Entscheidung zu überlassen, wo beispielsweise ein Bild positioniert werden sollte. Es beherrscht auch das Erstellen eines optisch ausgewogenen Satzspiegels und weitere Feinheiten. Dadurch kann sich der Benutzer besser auf den Inhalt seines Dokumentes konzentrieren und muss nicht zwischendurch Layouter spielen, was er vermutlich sowieso nicht so gut kann wie LaTeX.

Es ist also gar nicht so toll, wenn jeder Anwender bei den Seitenrändern so einfach herumschraubt. Wenn man das Ergebnis von LaTeX einmal gewohnt ist, wird man einsehen, dass das auch gut ist. Ein jeder gelernter Setzer wird diesen Punkt sofort unterschreiben. Der Vater von einem Team-Mitglied von uns tut es jedenfalls als solcher.

Märchen: LaTeX fehlen so Sachen wie Rechtschreibkontrolle

Ja. Na und?

Im Gegensatz zu Microsoft, vertreten wir (und sehr viele andere auch) die Meinung, dass Dinge wie Rechtschreibkontrolle, Formatierhilfen, Syntax-Hervorhebung, Eingabehilfen und Makros eindeutig Aufgabenbereiche eines Editors sind. Die klare Aufgabentrennung erweist sich durchaus als guter Ansatz. Nur so hat man nämlich auf einem Rechner genau eine Rechtschreibkontrolle und nicht im Textverarbeitungstool (z.B. Word), im HTML-Entwicklungstool (z.B. HomeSite), im DTP-Tool (z.B. CorelDraw) und so weiter jeweils eine eigene (unterschiedliche) Version mit höchstwahrscheinlich sogar unterschiedlichen Features.

Mit der Mehrfach-Implementierung gehen einher: Platzverschwendung, eine inhärent-inkonsequent verschiedene Bedienung und ein Zusatzaufwand, bei allen Rechtschreibkontrollen die persönlichen Wörterbücher aktuell zu halten.

Selbst Computer-Laien erkennen hier einen falschen Ansatz, der sich trotzdem speziell auf Windows-Systemen hartnäckig hält. Es geht aber auch anders, wie es Systeme wie zum Beispiel Linux zeigen. Da hat man eben einen Lieblingseditor, mit dem man sich gut auskennt. Dieser Editor greift auf die systemweit einzige Rechtschreibkontrolle (z.B. Ispell) zu, wie alle anderen Tools, die eine solche Korrekturhilfe benötigen, auch. Und das Thema Rechtscheibkorrektur ist nur ein Beispiel von vielen.

Ansage: OpenSource ist Schrott

LaTeX ist wie viele andere ein Open-Source-Produkt. Es kann frei eingesehen, benutzt und modifiziert werden. Man darf damit Geld verdienen. Durch den Erfolg ist speziell LaTeX außerordentlich weit verbreitet und dadurch sehr robust und äußerst gut dokumentiert.

OpenSource ist auch 2013 cool. Für uns, für unzählige Unternehmen und bestimmt auch für Sie. Überzeugen Sie sich selbst: probieren Sie LaTeX aus. :-)

dokumentation/mythen.1362871125.txt.gz · Zuletzt geändert: 10.03.2013 00:18 von Thomas Schlager